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Institut für Vogelforschung

Das Institut für Vogelforschung "Vogelwarte Helgoland" (IfV) ist eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung im Geschäftsbereich des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur.

Das IfV betreibt Grundlagenforschung und beschäftigt sich mit den vielfältigen Beziehungen zwischen Vögeln und ihrer belebten und unbelebten Umwelt. Leitthemen der wissenschaftlichen Arbeit sind die Vogelzugforschung und die Biologie der Lebensgeschichte. Das IfV ist zudem die Markierungszentrale für Nordwestdeutschland.

Bericht des IfV 2025

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Ein im Rahmen der Feldstudie beringtes und besendertes Rotkehlchen. Die Daten sollen Aufschluss über das Zugverhalten geben. Foto: Lars Burnus

Auswirkungen des Klimawandels auf das Zugverhalten europäischer Rotkehlchen

Das Rotkehlchen Erithacus rubecula ist in Europa teilziehend, d.h., dass in weiten Teilen Europas sowohl sesshafte als auch ziehende Rotkehlchen in derselben Population vorkommen. Wie das Zugverhalten reguliert wird, ist derzeit noch unklar und Gegenstand unserer Forschung. Es ist auch nicht bekannt, ob das Verhalten individueller Rotkehlchen genetisch fixiert ist, oder ob sie auf veränderte Umgebungsbedingungen reagieren und ihr Zugverhalten in unterschiedlichen Jahren individuell anpassen können.


Seit 2021 führen wir vom Institut für Vogelforschung in einem Waldgebiet nahe Oldenburg eine Individuen-basierte Feldstudie zum Zugverhalten des Rotkehlchens durch. Rotkehlchen im Untersuchungsgebiet werden beringt, mit individuell codierten Farbringen markiert, vermessen und mit Radiosendern oder Geolokatoren ausgestattet. Außerdem werden Blut-, Kot- und Federproben gesammelt, anhand derer wir u.a. die physiologischen und genetischen Grundlagen des Verhaltens, die Belastung durch Umweltgifte und Informationen zur Nahrungszusammensetzung untersuchen.


Um die lokal und aktuell gewonnenen Daten im Kontext der europäischen Zug- und Verbreitungsmuster des Rotkehlchens einordnen zu können, wurden europaweit erhobene Rotkehlchen-Ring-Wiederfunddaten (EURING.org) zusammen mit ERA5-Klimadaten (cds.climate.copernicus.eu) ausgewertet. Der untersuchte Ring-Wiederfund-Datensatz umfasst einen Zeitraum von sechs Jahrzehnten (1960-2020) und ermöglicht daher eine Einschätzung, inwiefern sich das Zugverhalten der europäischen Rotkehlchen-Population im Verbreitungsgebiet über die Zeit verändert hat, möglicherweise als Anpassung an den Klimawandel und andere menschliche Einflüsse. Aus insgesamt 146.696 Einträgen wurden diejenigen Rotkehlchen herausgefiltert, die in ihrem Brutgebiet beringt und im Winterquartier wiedergefunden wurden. In dieser analysierten Untergruppe ging im Untersuchungszeitraum die Anzahl der Wiederfunde ziehender Rotkehlchen um ca. 77 % zurück, obwohl sich im gleichen Zeitraum die Rotkehlchen-Beringungszahlen europaweit mehr als verdreifacht haben. Dies deutet darauf hin, dass sich in weiten Teilen Europas der Anteil ziehender Rotkehlchen verringert und gleichzeitig der Anteil sesshafter Individuen im Verbreitungsgebiet zunimmt. Durch Zuordnung von Klimadaten zu den individuellen Beringungs- und Wiederfundorten der untersuchten Rotkehlchen konnten wir außerdem feststellen, dass sich die Teilpopulation ziehender Rotkehlchen nach Norden verlagert hat, und damit ihrer klimatischen Nische polwärts folgt. Unsere Beobachtungen bestätigen die Ergebnisse zahlreicher früherer Studien an verschiedenen Zugvogelarten weltweit und unterstreichen damit, dass der Wandel der globalen Zugmuster anhält und bereits weit fortgeschritten ist – mit möglicherweise unvorhersehbaren Folgen für Ökosysteme weltweit.


Im Gegensatz zu vielen anderen Zugvogelarten, insbesondere Langstreckenziehern, ermöglicht beim Rotkehlchen offensichtlich die Verhaltens- und vermutlich auch genomische Variabilität innerhalb der Population eine schnelle und flexible Anpassung an sich rasch verändernde Umweltbedingungen. Durch unsere Daten aus dem Waldgebiet nahe Oldenburg wissen wir, dass der Anteil ziehender und sesshafter Individuen auf Ebene der Population zwischen verschiedenen Jahren variiert. Zukünftig werden wir das individuelle Verhalten und die Zugstrategie einzelner Rotkehlchen über mehrere Jahre hinweg dokumentieren. Diese Daten erlauben uns, die Frage zu klären, inwieweit die beobachteten Veränderungen der Zugmuster durch natürliche Selektion auf Populationsebene reguliert werden, oder (auch) auf plastische Anpassung des Zugverhaltens einzelner Individuen an wechselnde Umweltbedingungen zurückzuführen sind.

Bericht des IfV 2024

Eine Lachseeschwalbe aus der letzten mitteleuropäischen Population am Neufelderkoog auf Nahrungssuche. Foto: Fred Visscher

Die Gefährdung der letzten Lachseeschwalbenpopulation Mitteleuropas

Auch Arten, die global nicht als gefährdet gelten, können lokal stark bedroht sein. Ein Beispiel hierfür ist die Lachseeschwalbe (Gelochelidon nilotica): In Europa ist ihr Brutgebiet stark geschrumpft and in Mitteleuropa existiert lediglich eine einzige verbliebene Brutkolonie im Elbeästuar, wo der Bestand seit den 1940er-Jahren von etwa 500 auf aktuell rund 55 Brutpaare gesunken ist. In Deutschland gilt die Art daher als „vom Aussterben bedroht“. Ein Schutzprojekt sichert seit 2011 die Brutplätze durch Habitatmanagement und Elektrozäune und reduziert mit dem letzten Störungen durch Prädatoren (www.gelochelidon.de). Ergänzend wurden nun weitere Gefährdungsfaktoren untersucht, darunter limitierte Nahrungsverfügbarkeit, Schadstoffbelastung und Verringerung der genetischen Vielfalt.


Anhand von 12 Jahren Beobachtungen des Futtersuch- und Kükenfutterverhaltens konnten wir starke jährliche Schwankungen bei den genutzten Nahrungsquellen feststellen. Wahrscheinlich Aufgrund des breiten Nahrungsspektrums der Lachseeschwalben zeigten sich allerdings keine signifikanten Einflüsse der Nahrungsschwankungen auf den Bruterfolg (Schnelle et al. 2024a). Die Vielfalt der Beutetiere deutete jedoch auf eine potentielle Schadstoffexposition aus mehreren Quellen hin. Quecksilber könnte über aquatische Nahrung aufgenommen werden und konnte tatsächlich in Blutproben von Altvögeln und Küken nachgewiesen werden (Schnelle et al. 2025). Weitere Chemikalien, wie Weichmacher und persistente organische Schadstoffe, wurden ebenfalls in variablen Konzentrationen festgestellt (Schnelle et al. under review). Weitere Studien sollten nun die Auswirkungen der beobachteten Werte auf die Fitness der Vögel analysieren.


Genetische Diversität ist wichtig für die Anpassungsfähigkeit einer Art und ihr Überleben. Isolation und eine kleine Populationsgröße können daher das Bestehen einer Population langfristig gefährden. Zur Analyse der genetischen Situation der Lachseeschwalben im Elbeästuar wurde die mitochondriale Diversität der deutschen Kolonie mit das in zwei größeren Mittelmeerpopulationen verglichen (Schnelle et al. 2024b), sowie das Gesamtgenom von Vögeln dieser aktuellen Populationen und historischer Museumsproben analysiert (Schnelle et al. in prep.). Die Ergebnisse zeigen, dass die aktuelle deutsche Population im europäischen Vergleich, sowie insbesondere auch im Vergleich mit dem historischen Population, eine geringe Diversität und Heterozygosität, sowie einen leicht erhöhten Inzuchtskoeffizienten aufweist – eine mögliche Folge der Isolation und der kleinen Populationsgröße.


Obwohl die Population aktuell stabil erscheint, stellen Schadstoffbelastung und genetische Verarmung langfristige Gefahren dar. Schutzmaßnahmen sollten daher neben Prädationsschutz und Lebensraumerhalt auch die Überwachung der Schadstoffbelastung und mögliche Zuwanderung von Vögeln einschließen.

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